Das Vessantara-Jataka im Jayasimharama

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Jayasimhavihara.01

Jayasiṃhārāmaya.

Das Kloster Jayasimharama liegt in der Nähe von Kamburupitiya im Distrikt von Matara. Die von kolonialen Einflüssen weitgehend unbeeinflussten Malereien im Buddhatempel sind vermutlich im 19. Jh. entstanden, wie uns die Beischriften verraten, die im hinteren Tempelbereich (der als Götterschrein dient) zu finden sind: Hier wird unterhalb der Darstellung des Sumana die Jahreszahl 2436 (nach Buddhas Parinirvana 544 v. Ch.). (Nātēsvara-deviyo buddhavarṣa 2436), unter der des Ganeśa die der christlichen Zeitrechnung entsprechende Jahreszahl 1897 n. Chr. (Ghanēsvara-deviyo Kristuvarṣa 1897) genannt. Eine dritte Beischrift unterhalb der Śiva-Darstellung ist nur zum Teil erhalten. Vermutlich handelte es sich hierbei um die der Saka-Zeitrechnung entprechende Jahreszahl.
Die in drei Register unterteilten Außenwände des Wandelgangs zeigen das Buddhacarita (beginnend mit der Prophezeiung des Buddha Dipankara, anschließend die Darstellung mit der Versammlung von Göttern im Tusita-Himmel usw.), das Vessantara-Jataka und die Höllenwelten.

Die das innere Heiligtum mit der Buddhaplastik umgebenden Wände sind außen mit den Abbildungen der Siebenwochenphase und den 24 früheren Buddhas geschmückt, wobei hier nochmals der bereits zu Beginn des Buddhacarita dargestellte Buddha Dipankara erscheint. Auch die Darstellung von Maras Angriff auf den meditierenden Buddha Gautama, die in jeder Abbildung der Siebenwochenphase wiederkehrt, erscheint hier nochmals innerhalb des Bildstreifens, der das Buddhacarita zeigt. Der in anderen Klöstern oftmals in 15 Bildern dargebotene Zyklus mit der Darstellung der Lehr- und Wanderjahre wird hier mittels einer Szene angedeutet, die den Buddha in Isipatana zeigt (mit der Beischrift Iśipatanaye palamu vasa ‚erste Regenzeit in Isipatana‘).

Jayasimharamaya.02.satsatiya.suvisivivarana.torana

Inneres Heiligtum. Oben, Mitte:  Fruehere Buddhas (suvisivivarana). Unten: Die beiden letzten Episoden aus der Siebenwochenphase (satsatiya).

Jayasimharamaya.01.Vessantarajataka.satsatiya.narakaya.B

Um das Innere Heiligtum (re) führender Wandelgang.

Hier folgen zunächst zwei Bilder, die das vollständige Vessantara-Jataka zeigen. Anschließend wird dieser in acht Abschnitte aufgeteilte Bildstreifen nochmals im Detail vorgestellt. Die über den gesamten Streifen verteilten 12 Textfelder sind mit [a]…[l] gekennzeichnet.

Vessantarajataka.01

Vessantara-Jataka (1-4).

Vessantarajataka.02

Vessantara-Jataka (5-8).

01.Vessantara.01.02

1 [a] Vessantara-jātakaya. Vessantara-Jataka. [b] Mattri-biśava saha kumārayo denna. Königin Madrī mit den beiden Kindern.

02.Vessantara.03.04

2 [c] Vessantara-raja mahat-pelaharī daṃśal balā nikmunu vagayi. Umherschauend zieht Vessantara in einem prächigen Festzug zur Speisehalle. 

03.Vessantara.05

3 [d] ätā danduṃ vaga saha ē-varadaṭa Saňdamahaniriňdu nuvariṃ yaṃṭa kiv vagayi. Wie (Vessantara) den Elefanten verschenkt. [e] mahadaṃdī Vaṃkagiriyaṭa yaṇa-viṭa mārgayehiṇ-dī asvaya daṃdī rathayeṃ yana vagayi. Nach dem großen Fest des Spendens (mahadāna) verschenkt er während der Fahrt in das Vankagebirge sein Pferd und zieht im Wagen weiter.

04.Vessantara.06

4 [f] rathaya dandī de-daruvaṃ samaga yana vaga. Wie er den Wagen verschenkt und gemeinsam mit den beiden Kindern weiterzieht.

05.Vessantara.07

5 [g] Amittatāpanam bäminiyagē duva Jūjaka-bamunāṭa sarana pāvāduṃ vagayi. Wie Amittāpana, die Tochter einer Brahmanin, dem Brahmanen Jūjaka zur Frau gegeben wird.

06.Vessantara.08

6 [h] strīn räs-va kāliṭa niggraha-karaṇa vaga saha kāli räha-vū vaga. Frauen versammeln sich und verleumden Kāli [die Gemahlin des Jūjaka]. Kāli ist zornig[i] Jūjaka-bamunā Vaṃkagiriyaṭa yana vaga. Der Brahmane Jūjaka begibt sich zum Vankagebirge.

07.Vessantara.09

7 [j] Vaṃkagiriyehi-dī Jūjakayaṭa kumārayiṃ saha 2 śakkraṭa biśava daṃduṃ vagayi. Wie (Vessantara) im Vankagebirge dem Jūjaka die Kinder und dem Gott Indra die Königin gibt.

08.Vessantara.10

8 [k] gaśa-mula-badina lada kumarunṭa deviyaṃ visiṃ upasthāṇa kala bava saha maga kaṭu kohol-vī bamunā saha kumārayin nuvuraṭa ā vagayi. Die an einen Baum gefesselten und von den Göttern umsorgten Kinder. Der Brahmane, der wegen des dornigen Pfades (auf einem Baum) Schutz sucht und mit den Kindern die Stadt erreicht.  [l] Jayaturā-nuvara. Die Stadt Jayaturā.

Die in diesem Abschnitt (8) abschließend dargestellte Episode aus dem Vessantara-Jataka zeigt am rechten Ende eine Balkenwaage, in der offenbar Kṛṣṇajinā, die Tochter des Vessantara, gewogen wird. Der dieser Szene zugeordnete Text (Textfeld l) nennt lediglich den Ort, wo König Sañjaya den Brahmanen Jūjaka und die beiden Kinder Vessantaras empfängt (Jayaturā-nuvara). Die Darstellung der in einer Waagschale sitzenden Kṛṣṇajinā findet sich in allen kontinuierenden Malereien dieses Erzählstoffes (Beispiele).

Ein Vergleich der singhalesischen Textquellen mit den Pali-Fassungen und der Überlieferung der Mulasarvastivada-Schule zeigt, dass der dieser Szene zugrundeliegende Text sowohl in den singhalesischen Quellen als auch im Mulasarvastivada Vinaya mitgeteilt wird. In der Pali-Version wird diese Darstellung nicht überliefert:

In den von Vidyācakravartin (13. Jh.) in singhalesisch verfassten Predigtbüchern (baṇapot) Butsaraṇa (ButS) und Dahamsaraṇa (DahS) wird das Vessantara-Jataka nahezu wortgleich mitgeteilt. Im Butsaraṇa heißt es, dass König Sañjaya, Vessantaras Vater, dem Brahmanen Jūjaka als Auslöse für den Enkel Jāliya 1000 (Gold- oder Silbermünzen), für dessen Schwester Kṛṣṇajinā die dem Gewicht des Mädchens entsprechende Menge Gold sowie viele Wertgegenstände gab: Saňdamaharajāṇo kumārayange mihiri tepul asā satuṭu vä Jāliya kumārayanaṭa dahasak dī Kṛṣṇajināvanaṭa un baraye [v.l. bhārayē] ran hā dasa-dasin [v.l. dahasa-dahasin] hā boho vastu bamuṇāṭa dī de-bihinnan galavā genä (ButS: 357).

Nach der in der singhalesischen Jataka-Sammlung Pansiyapanas-jatakapota (PPJ[A]) überlieferten Fassung erhielt Jūjaka zusätzlich zu den im Butsaraṇa genannten Reichtümern einen sieben Stockwerke hohen Palast: Saňdamaha rajāṇō kumārayangē mihiri tepul asā satuṭu va Jālīya kumārayanṭa dahasak dī Kṛṣṇajināvanṭa ungē bhārayen ranruvan hā bohō vastu hā satmāl prāsādayak-da bamuṇāṭa dī de-bihinnan galavā gatha (PPJ[A]: 1832).
Ein derartiger Palast wird auch in der Pali-Version des Vessantara-Jatakas erwähnt (Jāt), wo ähnlich den singhalesischen Fassungen weiter berichtet wird, dass König Sañjaya 1000 Goldstücke für den Knaben Jāliya gab. Abweichend von den singhalesischen Quellen wird Kṛṣṇajinā in der Pali-Überlieferung für jeweils 100 Elefanten usw. (v. 671) bzw. jeweils 100 Diener, Dienerinnen, Rinder, Elefanten, Stiere (v. 673) von dem Brahmanen Jūjaka losgekauft: sahass’agghaṃ hi maṃ tāta brāhmaṇassa pitā adā, atha Kaṇhājinaṃ kaññaṃ hatthinā ca satena cā ti (v. 671) tato kattā taramāno, brāhmaṇassa avākari, dāsi-sataṃ dāsa-sataṃ gavaṃ hatth’usabhaṃ sataṃ, jātarūpa-sahassañ ca puttānaṃ dāsi nikkayan ti (v. 673)…evaṃ brāhmaṇassa sabba-satañ ca nikkha-sahassañ ca kumārānaṃ nikkayaṃ adāsi satta-bhūmikañ ca pāsādaṃ (Jāt, Vol. 6: 577).

Im Sunandarama Purana Mahavihara von Telikada (Galle) ist unterhalb der entsprechenden Bildszene folgende erläuternde Beischrift erhalten:

Telikada Vessantara-Jataka

raju-visin Jāliya-kumarunṭa masu-dahasakun Krisanajīnāvuṃṭa baraṭa bara masuramun dī galavā gat vaga.

Nach dieser Beischrift gab König Sañjaya für seinen Enkel Jāliya 1000 Münzen (masu) und für Kṛṣṇajinā die ihrem Gewicht entsprechende Menge an Goldmünzen (masuran).

Da auch im Butsaraṇa an einer früheren Textstelle des Vessantara-Jatakas (ButS: 335) Goldmünzen mit dem Ausdruck masuran bezeichnet werden und in den entsprechenden Parallelen im Pansiyapanas-jatakapota (PPJ[A]: 1816) bzw. der Pali-Fassung (Jāt, Vol. 6: 521) die Begriffe kahavaṇu bzw. kahāpaṇa erscheinen, ist zu vermuten, dass dem Tempelmaler des Klosters von Telikade das Butsaraṇa (bzw. Dahamsaraṇa) als Vorlage für seine bildliche Gestaltung dieses Erzählstoffes diente.

Frau Dr. Fumi Yao (Japan Society for the Promotion of Science, Tokyo) verdanke ich den Hinweis auf eine im Mulasarvastivada Vinaya überlieferte Parallele zu diesem Abschnitt. Nach dieser in der tibetischen Übersetzung des Bhaiṣajyavastu (Derge) mitgeteilten Fassung (8./9. Jh.) gibt der König dem Brahmanen – ähnlich der im singhalesischen Butsaraṇa fixierten Version – als Auslöse für beide Kinder, also für den Knaben Kṛṣṇa (Nag-po, der in der singhalesischen/Pali-Fassung Jāliya/Jāli heißt) und das Mädchen Jālinī (Dra-ba-can bzw. Kṛṣṇajinā/Kaṇhajinā) die dem Gewicht der beiden entsprechende Menge in Gold: bus pa Nag-po dang/ Dra-ba-can ni bram ze zhig tshong ‚dus na ‚tshong zhing mchis [232b] lags so// des bsgo ba/ shes ldan dag deng la khrid de shog shig/ de gnyis khrid de ‚ongs pa dang/ rgyal pos srang la  bcal te mnyam du gser gyis blus so// (Derge, Vol. 2: 232a.10-b.1).

Weitere Darstellungen des Vessantara-Jatakas:

>> Kasagala Vihara (Tangalle).

>> Tunbodhi Vihara (Matara).